Jul 212015
 

…, wenn es um Soziokultur geht, und schon gar nicht, wenn es um Selbstverwaltung geht. In Berlin aber offensichtlich doch.

Für Berliner Politik und Verwaltung ist Soziokultur gleichbedeutend mit Sozialarbeit, und Selbstverwaltung ist für sie ein Kampfbegriff.

Um es vorweg zu sagen, Soziokultur ist keine Sozialarbeit, sondern steht für einen erweiterten Kulturbegriff, und Selbstverwaltung ist Selbstbestimmung, und Bürgerinitiativen sind keine Investoren.

Weit über 500 Soziokulturelle Zentren mit jährlich über 30 Mio. Besucher in Deutschland sind diesem Kulturbegriff verpflichtet und formulieren ihre praktische Arbeit so:

  1. Soziokultur fördert die Begegnung von Menschen aller Berufsgruppen, Altersgruppen, soziale Schichten und Kulturen, regt sie zu kritischer Auseinandersetzung, Initiative und kreativer Betätigung an und fördert soziales und demokratisches Verhalten (Alte Feuerwache, Köln).
  2. Die Zielsetzung, durch Programmangebote, die kulturelle und ethnische Vielfalt unserer Gesellschaft in Erlebnisqualität umzusetzen, ist Mittelpunkt unserer Arbeit. Alters- und schichtenübergreifend werden Kreativität und Eigeninitiative gefördert: emanzipatorisch, fortschrittlich und ohne Scheuklappen. (Die Börse, Wuppertal)
  3. Veranstaltungen zu Politik, Stadtplanung und Wahlen, soziale Themen und Sexualität gehören genau dazu wie engagiertes Kabarett, freies Theater, Musik, Literatur und Bewegung, wie auch auf ein Thema zugeschnittene Mischformen der kulturellen Vermittlung, die in Projektwochen den soziokulturellen Anspruch besonders deutlich machen. (Zakk, Düsseldorf)
  4. Selbstverwaltete Soziokulturelle Zentren machen Kultur für Alle, deshalb sind die Preise so gestaltet, dass auch Menschen mit wenig Geld die Angebote des Zentrums wahrnehmen können. (Alle über 500 Zentren)
  5. Die Gastronomie ist integraler Bestandteil des soziokulturellen Gesamtprogramms und dient als
    Bürger -Treffpunkt und Kommunikationsort ohne Verzehrzwang. Das Speisen- und Getränkeangebot berücksichtigt soziale, politische und ökologische Aspekte. Professionell geführt, trägt der Gewinn mit ca. 40% zum Gesamthaushalt bei. (Alle über 500 Zentren)
  6. Vereine, parteipolitisch unabhängige, soziale und kulturelle Gruppen und Bürgerinitiativen können unentgeltlich Räume nutzten, wobei aber weder zeitlich noch räumlich dauerhafte Exklusivrechte eingeräumt werden. (Alle über 500 Zentren)

Finanzielle Eigenleistungen

Kaum hatte sich die BI Schoeler-Schlösschen gegründet, kamen unisono von Politik, Verwaltung und Medien die Anfragen, wie wir das denn finanzieren und welche Eigenleistungen die BI denn einbringen wolle! Dahinter steckt eine in Berlin gängige, ja fatale demokratiefeindliche Grundhaltung: Die Finanzierungsfrage wird gegenüber Interessen, Ideen und Forderungen des Souveräns als Totschlagargument missbraucht, um so zivilgesellschaftliches Engagement letztlich zu unterbinden.

Hat man jemals von Herrn Barenboim gefordert, eigene finanzielle Mittel zu der halben Milliarde Umbaukosten der Oper beizusteuern? Natürlich nicht. Denn wofür und in welcher Höhe man Steuergelder für Kultur bereitstellt, ist zu allererst mal eine politische Frage, und die ist für die Oper(davon gibt es drei) anscheinend geklärt(?), offensichtlich aber nicht bei der Verwendung von Steuergelder für Kultureinrichtungen in den Bezirken. Dabei sind sie Investitionen in die Zukunft und die Lebensqualität der Einwohner und nicht hochsubventionierte, gehobene Bespaßung von Minderheiten. In Wilmersdorf bedeutet das, „schleichenden Bedeutungsverlust“ (Stefan Evers, MdA) dieses Bezirks entgegenzuwirken und aus Wilmersdorf einen urbanen Lebensort zu entwickeln.

Soziokultur nach Art des Bezirksamtes

In den westlichen Bundesländern hat man vor 40 Jahren erkannt, dass man von dem Wissen seiner Bürger profitieren kann, Haushaltsmittel spart und nachhaltige Projekte mit großer basisdemokratischer Legitimation ermöglicht. Mit ihrem Wissen, gerade auch über ihr direktes Lebensumfeld, sind die Bürger den meisten Politikern überlegen, die ja nur eine generalistische Sicht auf die Dinge haben können.
Welches kulturelle Fachwissen hat eine Bezirksverwaltung, die eine Sozialeinrichtung in einem städtebaulich exponierten barocken Landhaus plant und die Betriebskosten über Mietverträge mit Sozialleistungsträgern decken will, die dann für ihre Angebote Zugriff auf die Räume haben? Und abends soll eine Halbtagskraft des BA ein kulturelles Beiprogramm planen und anbieten? Das muss doch kritisch hinterfragt werden! Entgegen der gesellschaftlichen Inklusionspraxis wurde ein Trauraum für „Behinderte“ geplant! Ist es in unserer Gesellschaft nicht das selbstverständliche Recht „behinderter Menschen“, da getraut zu werden, wo alle getraut werden?

Dieses „Konzept“ wird dann auch noch „soziokulturelles Programm“ genannt. Aber den Etikettenschwindel hat wohl auch die Lottostiftung erkannt und zum dritten Mal den Bauzuschuss für das Schoeler-Schlösschen abgelehnt, zumal die beantragten ca. 3 Mio. € Baukosten eine nicht nachvollziehbare, überhöhte Bausumme darstellten, die den Bezirksverordnenden streng vertraulich in einer Übersicht zum Abnicken vorgelegt wurde. Für die drei Ablehnungen wurden mal eben 85.000 € Steuergelder verpulvert, wie das zuständige Mitglied des BA auf der Mai-BVV freimütig bekannte.

Ein Angebot, das man eigentlich nicht ablehnen kann

Anstatt jetzt das Angebot der BI anzunehmen, die unentgeltlich ein Raum-, Nutzungs- und Programmkonzept, einen architektonischen Entwurf der Innenräume nebst einer Kostenschätzung ausarbeiten will und ihr dafür umgehend alle Unterlagen zur Verfügung zu stellen und Besichtigungstermine zu ermöglichen, wird erst einmal auf Überlastung des Amtes und Unfallrisiko bei der Ortsbegehung hingewiesen. Vorgeschobene Gründe, um zu verschleiern, dass man an in der Bezirksverwaltung engagierter, ehrenamtlicher Arbeit von Bürgern eine geringe Wertschätzung entgegen bringt.

Angst der politischen Klasse

Friedrich Karl Waechter: Der Stinkstall, 1973. [mehr…]


 

Die Angst der politischen Klasse

Man kennt zwar noch keine Konzepte und Lösungsvorschläge der BI, wie man den durch das Bezirksamt verursachten 12 jährigen Leerstand des Schoeler-Schlösschens im Sinne der Einwohner beenden kann, aber es besteht bereits Konsens bei allen(?) Parteien – so wurde uns berichtet – , dass ein selbstverwaltetes Soziokulturelles Zentrum politisch nicht gewünscht wird. Ist es die Angst der Berliner politischen Klasse vor Einfluss- und Kontrollverlust, oder vor dem frühzeitig mitbestimmen wollenden Bürger, dem unberechenbaren Wesen, der ihre Politikroutine stören könnte? Bürgermeister Naumann fordert die Bürger zur Einmischung auf. Aber wohl doch nicht so!

 

Die Praxis

Wer jetzt mehr über die Programmangebote wissen möchte, der kann folgende Seiten besuchen:

Bürgerzentrum Alte Feuerwache Köln e.V.
Kommunikationszentrum Wuppertal e.V. „die börse
zentrum für aktion, kultur und kommunikation gGmbH – zakk
Zeche Carl, Auf Carl gemeinnützige GmbH, Essen

Für das Programm im soziokulturellen Zentrum Schoeler-Schlösschen in Selbstverwaltung müssen wir leider die Geduld der zukünftigen Nutzer strapazieren.

Als ich meinem Enkel in Düsseldorf erzählte, dass ich gerade einen Artikel schreibe, in dem ich die Soziokultur erkläre, reagierte er mit Unverständnis: He Alter, lass stecken und komm nach Düsseldorf und gehe mit ins Zakk. Recht hat er.

Rainer Wittek

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