Das Schoelerschlößchen in seiner Umgebung (III)

 

Die letzten hundert Jahre: Nationalsozialismus und Nachkriegszeit

Die Zeit des Nationalsozialismus veränderte die Umgebung des Schoelerschlößchens weniger durch bauliche Maßnahmen (mit einer noch heute bestehenden Ausnahme und wenn man einmal von den erheblichen Kriegszerstörungen absieht) als vielmehr durch die Nutzung bestehender Gebäude. Letzteres trifft besonders auf den in Teil II erwähnten Viktoriagarten zu, der schon früh ein beliebter NS-Treffpunkt war: J. Goebbels läutete hier im November 1926 den Kampf um Berlin“ ein und schrieb in seinem gleichnamigen Buch (1934) über den Viktoriagarten, daß er „später oftmals noch Stätte unserer propagandistischen Triumphe werden sollte“ (S. 9).1

Erst einmal wurde 1929 wenigstens das Schoelerschlößchen als solches gerettet, indem es zusammen mit dem anschließenden kleinen Park vom Bezirk Wilmersdorf gekauft wurde. Den größeren Rest des ehemaligen Schoelerschen Grundstücks jedoch übernahm die Heimstätten-Siedlungsgesellschaft Berlin-Wilmersdorf und begann 1930 damit, nach den Entwürfen von Fritz Buck (1888-1971) das Grundstück mit 290 Kleinwohnungen (1½ bis 3 Zimmer) zu bebauen, womit der damaligen Wohnungsnot begegnet werden sollte. Die Wohnanlage Schoelerpark umrahmt – auf drei Seiten fünfgeschossig, beiderseits des Landhauses aus Rücksicht auf dessen Maße jedoch nur dreigeschossig – Schoelerschlößchen und Schoelerpark, wodurch der parkähnlicher Innenraum entsteht.

Die erwähnte Ausnahme fand gleich nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten schräg gegenüber statt: Im Rahmen ihres reichsweiten Gedenkens an den 10. Jahrestag der Hinrichtung von Leo Schlageter wurde am 26. Mai 1933 auf dem Mittelstreifen der Wilhelmsaue ein 3,80 m hoher Findling als Schlageter-Stein enthüllt.2 Der Stein steht noch heute an derselben Stelle, wurde allerdings 1956 stillschweigend umgewidmet, indem das Bezirksamt auf ihm eine Bronzetafel anbringen ließ, die den Findling nun zu einem Erinnerungsstein an die Dorfaue in der Mitte des 18. Jahrhunderts erklärte.
Das Gegenstück dazu bildet die im April 2015 enthüllte Gedenktafel für einen ermordeten Deserteur, wenige hundert Meter entfernt an der Kreuzung von Uhland- und Berliner Straße: Während Schlageter, der am Anfang des Nationalsozialismus stand und damals gern „erster Soldat des Dritten Reiches“ genannt wurde, durch und durch Militär war und nach seiner Verurteilung ausdrücklich kein Gnadengesuch einreichte, wollte der 17jährige, ganz am Ende dieser Periode, in den letzten Tagen des April 1945, überhaupt nicht Soldat sein, sondern einfach nur den Krieg überleben, und sicher hat er die SS-Männer, die ihn an der Kreuzung erhängten, um Gnade angefleht.

Erste Kirche Christi, Wissenschafter

Erste Kirche Christi, Wissenschafter

Ein weiteres Gebäude der Zwischenkriegszeit ist die Erste Kirche Christi, Wissenschafter der US-amerikanischen Glaubensgemeinschaft Christian Science (Nr. 112), eine Kombination von Vereinshaus und Kirchenraum, 1936/37 von Otto Bartning (1883-1959) im Stil der Klassischen Moderne gebaut. Otto Bartning erklärte in einem Brief an einen Architekten, „was mit der Straßenfront des Gebäudes gemeint war“, nämlich der „unverkleideten Gradheit des christlichen Denkens, Fühlens und gegenseitigen Helfens klaren Ausdruck geben. Daher die wenigen deutlichen Elemente der Straßenansicht: Die rechteckigen, breitempfangenden Portale, ausklingend in den Pfeilern des Gitters, in welchem die Inschrift geschmiedet stand. Darüber Bibliothek und Saal, wieder mit klaren Rechteckfenstern.“3
1941, wurde diese Religionsgemeinschaft reichsweit verboten und ihr Eigentum von der Gestapo beschlagnahmt. Am 14.12.1943 eröffnete im Kirchenraum ein Kino mit dem Bavaria-Film „Die Reise in die Vergangenheit“4; aber schon zwei Tage später wurde dieser Teil des Gebäudes bei einem Luftangriff zerstört und schließlich 1956/57 unter Otto Bartnings Leitung in leicht veränderter Form wieder aufgebaut.

Lageplan Wilhelmsaue 39-41 (1931-47)

Lageplan Wilhelmsaue 39-41 (1931-47)

Ein weiteres Beispiel für nationalsozialistische Umnutzung bestehender Bauten war das „Städtische Ausländerlager für Arbeitsleistungen im Verwaltungsinteresse“ auf dem Gelände eines Kinderheims in Wilhelmsaue 39-41. Dieses Zwangsarbeiterlager des Bezirksamtes Wilmersdorf befand sich zusätzlich zu einem Straßenreinigungsdepot auch dort, und zwar spätestens seit Ende 1942.5 Über 70 Jahre danach, im September 2015, mochte allerdings die Gedenktafelkommission des Bezirks, quer durch alle Parteien, nicht die Tatsache anerkennen, daß dort Zwangsarbeiter untergebracht waren, und verschob so die öffentliche Erinnerung an den Mißbrauch von Menschen durch Zwangsarbeit erst einmal auf einen unbekannten Zeitpunkt in der Zukunft.

 

Seit Kriegsende

Wilhelmsaue 114/5 (1958)

Wilhelmsaue 114/5 (1958)

Infolge des Krieges waren längs der Wilhelmsaue viele Häuser schwer beschädigt oder zerstört worden (Plan der Gebäudeschäden). Eine zweite Zerstörungswelle ging in den 1960er Jahren von der Westberliner Stadtverwaltung aus, die – im Rahmen ihrer Vorstellung von der „autogerechten Stadt“ – schwere Eingriff in die Bausubstanz (durch Abriß von Häusern) und in das Gesamtbild der Wilhelmsaue vornahm, indem sie Blisse- und Uhlandstraße auf die doppelte Breite ausweitete und im Zusammenhang damit die schnellstraßenartige Verlängerung der Uhlandstraße über die Wilhelmsaue hinweg schuf. Zu diesem Zweck wurden auch die Überreste des Viktoriagartens (Wilhelmsaue 114/5) abgetragen. Seitdem ist die Wilhelmsaue in drei Teile zerschnitten und der Volkspark zwischen Sportplatz und Fennsee durch eine große Lücke unterbrochen.

Zum Schluß sei noch auf zwei zeittypische Bauten der Nachkriegszeit hingewiesen:

Wilhelmsaue 111 als Kriegsruine (undatiert)

Wilhelmsaue 111 als Kriegsruine (undatiert)

Wilhelmsaue 111 war der spiegelverkehrte Zwilling des denkmalgeschützten Nachbarhauses 111a, 1896 von Walter Eichelkraut erbaut, im Krieg stark beschädigt und Ende der 1950er Jahre abgerissen. An seiner Stelle entwarf Helmut Ollk (1911-1979) im Jahr 1960 im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus ein fünfgeschossiges Haus mit einer

Wilhelmsaue 111 (2015)

Wilhelmsaue 111 (2015)

1½-Zimmer- und einer 2½-Zimmer-Wohnung auf jedem Stockwerk, jeweils mit Innenbad,, wofür es damals jedoch einer Ausnahmegenehmigung bedurfte. Jede Wohnung hat auf der der Straße abgewandten Südseite einen unverbaubaren Balkon. Ollk gab dem Haus eine kleinteilige, verspielte Schachbrettfassade aus quadratischen Mosaiktafeln, die zwecks Belebung der Fläche im Wechsel in die Wand eingelassen bzw. ihr aufgesetzt sind.

Das Gegenstück dazu findet sich auf dem Grundstück Wilhelmsaue 12a, schräg gegenüber dem Schoelerschlößchen. Bis 1995 stand dort ein zweigeschossiges Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, Sitz eines Malerbetriebes, der einst mit bis zu 170 Beschäftigten einer der größten gewerblichen Arbeitgeber in Wilmersdorf gewesen war, bevor er bald nach Vollendung des Neubaus schloß. Dieser Neubau, dem ein 20 Meter hoher Efeu an der Brandmauer des angrenzenden Hauses Mehlitzstraße 6 geopfert wurde, fällt mit einem überdimensionierten Eckturm, stockwerkübergreifenden dreieckigen Erkern, auffällig breiten Stirnseiten der Dachüberstände sowie ausgedehnten, bläulich reflektierenden Glasflächen erheblich aus dem Gesamtbild der sonstigen Bebauung der Straße und bildet so den grobschlächtigen Gegenpol aus dem ausgehenden 20. Jahrhundert zu dem wohlproportionierten barocken Schoelerschlößchen auf der anderen Straßenseite.

M. Roeder

Bildquellen:
Bild 1, 5: M. Roeder
Bild 2: Ausschnitt aus der amtlichen Karte (1:4.000) von 1931 (bis 1947)
Bild 3: mit freundlicher Genehmigung der Sammlung Dittmer
Bild 4: mit freundlicher Genehmigung des Landesarchivs Berlin (B Rep 209-94/16288)

1 Weitere Beispiele für Veranstaltungen dort: 22.5.1929: Bannerweihe und Verpflichtung des Stahlhelm-Frauenbundes (172); 3.10.1929: DNVP-Vorfeier zu Hindenburgs Geburtstag (178); 15.4.1933: Verpflichtung von Schutzpolizisten als Mitglieder des Stahlhelm (265); 22.2.1935: Abend der alten Garde der NSDAP aus der Kampfzeit in Wilmersdorf (301); 3.9.1935: Ortsgruppenleitersitzung der NSDAP mit Rede Goebbels‘ und Weihe von Ortsgruppenfahnen mit der Blutfahne von Horst Wessel (311) (Auszüge aus der Tageszeitung „Der Westen“ in: Berlin-Wilmersdorf. Die Jahre 1920 bis 1945, hg. v. Udo Christoffel, Berlin (Wilhelm Möller) 1985 [Stadtbücherei: B 152 Wilmersdorf])
2 „Man nimmt an, daß an 15 000 Menschen dieser Weihestunde beiwohnen werden.“ (Berlin-Wilmersdorf, S. 268)
3 Baumeister Otto Bartning – Kirchen, hg. vom Gemeindekirchenrat der Ev. Himmelfahrt-Gemeinde Wedding, Berlin 1989 (im Archiv der Ersten Kirche Christi, Wissenschafter)
4 Berlin-Wilmersdorf, S. 502
5 „Ärztliche Versorgung der Ausländerarbeitslager“ [Jahreswechsel 1942/43]: Landesarchiv Berlin C Rep. 375-01-08 Nr. 7818/A 06; dort: „Bericht des Gesundheitsamtes Berlin-Wilmersdorf vom 30.11.1942“

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