Okt 062015
 

150 Jahre später ist das Dorf eine Großstadt, dem Schoelerschlößchen droht der Abriß

Bild 1: Ein Hinweis auf den Milchverkauf, der bis in die 1960er Jahre aus einem Stall im Hof von Wilhelmsaue 11 stattfand.
 
 
Zu der Zeit, als das Schoelerschlößchen (das natürlich noch lange nicht so genannt wurde) um die 100 Jahre alt war, machte Wilmersdorf, das fast nur aus der Wilhelmsaue bestand (die aber noch nicht so hieß), die allerersten Schritte hin zur zukünftigen Großstadt. Wilmersdorf war nämlich in Berlin bekannt für seine Schafsmilch, und so kamen Scharen von Ausflüglern, um sie vor Ort zu trinken.

 
 

        Bild 1 Ein Hinweis auf den Milchverkauf, der bis in die 1960er Jahre
        aus einem Stall im Hof von Wilhelmsaue 11 stattfand.

Als weitere Attraktion traten ab etwa 1880 verschiedene Badeanstalten hinzu, als erste das Seebad Wilmersdorf von Otto Schramm, das – zusammen mit einem Park, in dem ein großes Sommer-Restaurant, ein Musikpavillon, Kegelbahnen und Unterständen für die Kutschpferde lagen – die gesamte Südseite des Sees bis fast hin zur Bundesallee (damals Kaiserallee) einnahm.
Ein weiteres großes Ausflugslokal war der
Victoria-Garten (Ansichtskarte von 1903). Er war 1899 auf dem Gelände des ehemaligen Ritterguts angelegt worden (vgl. Bild 4 in Teil I), verfügte über einen großen Tanzsaal mit Bühne für Theater- und Konzertaufführungen und bot Kahnfahrten auf dem See an. (Über das Grundstück führt seit 1965 die Schnellstraßenverlängerung der Uhlandstraße hin zur Mecklenburgischen Straße.)

Aber Wilmersdorf blieb nicht dabei stehen, nur ein Vergnügungsort für Berliner zu sein, sondern wurde auch zu deren Wohnort. Denn nachdem im November 1877 die westliche Teilstrecke der Ringbahn mit den Bahnhöfen Wilmersdorf-Friedenau (jetzt Bundesallee) und Schmargendorf (jetzt Heidelberger Platz) in Betrieb genommen war, konnten wohlhabende Berliner es sich leisten, in der Stadt zu arbeiten und auf dem Land zu wohnen.
Gleichzeitig, um 1874, benannte man werbewirksam die Dorfstraße nach Kaiser Wilhelm I. in Wilhelmstraße um; und wenige Tage nach dessen Tod im März 1888 wurde der Straßenname sogar zur leicht poetisch anmutenden Wilhelmsaue abgeändert und der Dorfanger passend dazu in eine Grünanlage (den heutigen Mittelstreifen) verwandelt. 1895 ging man mit der Ehrung des Straßennamensgeber noch einen Schritt weiter und errichte gegenüber der Einmündung der Uhlandstraße ein Kriegerdenkmal samt seiner Büste.
In diesem Jahr lebten in
Deutsch-Wilmersdorf  2.400 Menschen. 1906 erhielt das Dorf das Stadtrecht. 1910 war aus Wilmersdorf bereits eine Großstadt mit über 100.000 Einwohner geworden, die sich 1912 erneut umbenannte, diesmal in Berlin-Wilmersdorf – acht Jahre vor ihrem Ende durch Eingemeindung in das 1920 gebildete Groß-Berlin.

Teile der heutigen Bebauung der Wilhelmsaue zeugen noch von jener Zeit, in deren ersten Phase durch Landverkauf an Ringbahngesellschaft und Bodenspekulanten reich gewordene Bauern sich eine Villa im Dorf bauen konnten und in deren zweiter Phase seit den 1890er Jahren die vier- bis fünfgeschossigen großstädtischen Mietshäuser zunehmend die Oberhand gewannen.

Bild 2 Wilhelmsaue 17

Die bäuerliche Villa von 1875 (Wilhelmsaue 17) ist ein frühes Beispiel der ersten Phase. Das Landhaus für die Familie Blisse aus den Jahren 1890/91 (Wilhelmsaue 120) steht an ihrem Ende.

  Bild 3 Wilhelmsaue 120

Bild 4 Wilhelmsaue 111a

Einen eher verhaltenen Schritt in die zweite Phase stellt Wilhelmsaue 111a (1896-99) dar. Mit Mietshäusern wie Wilhelmsaue 132 und 133 (1900) hatte Wilmersdorf dann endgültig das damalige Großstadtniveau erreicht.

Bild 5 Wilhelmsaue 132 und 133

Hinzu kamen weitere der neuen Zeit angemessene Gebäude wie die neugotische Auenkirche mit Pfarrhaus (1895-97), die die jetzt zu kleine Dorfkirche von 1772 ersetzte, und das Blissestift (1908-11), ursprünglich ein evangelisches Waisenhaus.

Die Zeit für Landhäuser à la Schoelerschlößchen war also endgültig vergangen. Das Ende zeichnete sich bereits 1891 ab, als im neuen Fluchtlinienplan die Verlängerung der Wilhelmsaue nach Westen (weit über den heutigen Friedhof Wilmersdorf hinaus) und nach Osten zur Kaiserallee (jetzt Bundesallee) festgelegt und kurz darauf (Karte von 1893) ausgeführt wurde. Das bedeutete für den neuen Besitzer des Landhauses, Prof. Heinrich Schoeler (seit 1893), den Verlust eines erheblichen Teils des zum Hause gehörigen Grundstücks, da die Ostverlängerung darüber führte. Und als Prof. Schoeler 1918 starb, wurde das Haus in der dem Krieg folgenden Inflationszeit zum Spekulationsobjekt und wäre beinah abgerissen worden.

M. Roeder

                                                         Bild 6 Schoelerschlößchen um 1900

Bildquellen
Bild 1, 2, 4: M. Roeder
Bild 3: c.
Bild 5, 6:
mit freundlicher Genehmigung des Museums Charlottenburg-Wilmersdorf

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